Laufendes Projekt
Ohne Punkt und Komma –
6 spastische Monologe 1 versuchter Dialog und dazwischen geklemmt eine kursive Stille
Sechs vertrackte Existenzen sitzen zusammen in einem Zugabteil nach Paris und wir erkennen in ihnen ein Stück unserer dunkelsten Gedankenauswüchse wieder. Davor aber --- sechs spastische Monologe. Eine fortgesetzte innere Rede. Ohne Punkt und Komma. Sechs Wahnsinnsmonologe. Und am Ende: eine Art Drehbuch, die sie alle in einem versuchten Dialog vereint. --- Was als hilflose Kommunikation beginnt, endet als eine Aneinanderreihung bloßer Laute. Ein Ausdruck der Sprachlosigkeit – oder was ist es, was uns miteinander verbindet? Außer vielleicht – ein verzerrter Schrei.
Aber beginnen wir am Anfang!
Es fängt an mit einem gewissen Gustav G., 57 Jahre alt, Museumsaufseher. Und wie wir sehen – so gar nicht – oder doch sehr – auf den Mund gefallen. Er spricht und spricht und sagt doch gar nichts als das, was wir schon 1000 x gehört. In der U-Bahn. Auf der Straße. In der Kneipe am Eck. Ein überaus hässlicher Charakter, aber doch so, dass man es ihm – wenigstens als Leser – irgendwie nachsehen kann. Ein bisschen rassistisch, aber mit Gefühl. Ein bisschen feinfühlig, aber mit Hammer und Beil. Ein Mensch eben. Und nichts weiter. (K)ein Künstler. Aber einer, der sich sehnt.
Was hier gestaltet werden soll, ist ein Stück Widerspruch. Und man soll gar nicht wissen, warum --- man ihn dennoch versteht. Vielleicht, weil man selbst – oder weil einem das Entfernteste wohl doch auch das Nächste ist. Und weil man das kennt – diese eigene Unzulänglichkeit.
Soweit der bisher fertig gestellte Text.
Nicht anders soll es sich mit Judith F. verhalten, jener esoterischen Licht-Heilerin, die sauer auf Den ist, dem sie ihr Leben lang gedient zu haben glaubt, nämlich dem all-einen Geist oder Gott, wenn man sich das Wort einmal vor Augen halten will. Wir verstehen, warum sie zetert. Wir verstehen, warum sie klagt. Nämlich weil sie immer das Gute wollte und doch immer daran gescheitert ist. Nichts geht mehr. Schon gar nicht das Leben.
Was noch folgen soll: Die verfehlte Schönheitskönigin Daniela K., 18 Jahre alt, Frisörin. Der Mann, der alles und jeden hasst, Fritz H., 47 Jahre alt, Patient (er leidet unter der als Kot- und Fäkalsprache bekannten Koprolalie). Die Frau, die ihrem Mann die Identität gestohlen hat, Martina D., 27 Jahre alt, Studentin. Der Schriftsteller, der keine Anerkennung bekommt, Manuel N., 29 Jahre alt.
Sechs Menschen – sechs Wutausbrüche. Und sie alle entscheiden sich – an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens – in die Stadt der Liebe, nach Paris, zu fahren. Und so sitzen sie also - am Ende - in einem Zug und noch dazu in einem engen Abteil und haben nichts, aber auch gar nichts als ihre innere Wut. Selbst sie zu teilen, wird zur Unmöglichkeit. Der Dialog, der sich zwischen ihnen entspinnen soll, beginnt mit hingeworfenen Sätzen und endet mit bloßen Phrasen, ja Lauten, bis – am Schluss – nur mehr ein untröstliches A-a-ah ertönt. Das Große, das sie zusammenhält, zerhackt sich. Und wir bleiben zurück in einem noch größeren Schweigen. Was bleibt? Außer einer schwierigen Befindlichkeit?
Genau das sollen die sechs Monologe und der Dialog, der eigentlich keiner ist, zeigen. Nämlich dass man, wenn man im Sumpf seiner Gedanken und Illusionen gefangen ist, zu keiner Anteilnahme heran-reifen kann. Und dass man einsam ist – bis zuletzt, wenn man nicht wenigstens versucht, über die eigenen Grenzen hinaus zu einem tieferen Verständnis seines Zugabteil-Ichs zu gelangen.
Die Gewöhnlichkeit der Figuren soll erschreckend und dabei mahnend wirken. Ihre innere Befangenheit monströs und doch auch erleichternd. Das Grobe begegnet dem Zarten. Und umgekehrt. Und was dazwischen gewoben steht, sind fragile Botschaften aus einer innerlichen Weisheit, der wir beständig zu entfliehen streben, die uns aber niemals verlässt. Sie sind kursiv gesetzte Fragmente aus einem größeren Ganzen, dessen Teile wir sind.
--- „Und man fragt sich dann allerhand. Zum Beispiel, warum Leben so schwierig ist.“ ---
(Manuel N.)
Oder:
--- „Es muss aus mir heraus alles ich habe schon gar keinen Verstand für die Dinge. Unmöglich sich da zusammenzunehmen bei diesem Krawall.“
(Fritz H.)